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Weltwissen Wissenswelten
Das Globale Netz von Text und Bild
Christa Maar, Hans Ulrich Obrist, Ernst Pöppel (Hg.):
Iconic Turn. Die neue Macht der Bilder.
Köln: DuMont 2000.
ISBN: 3-7701-5307-3

Diese spannende Sammlung von Vorträgen wurde mir von Nick Roericht überlassen wofuer ich sehr dankbar bin. Ich sitzte mit Stephan Huber im ICE nach HH und beschreibe meine Beobachtung des drastischen Unterschieds zwischen Sprache hören und kombiniertem Hören/Sehen. Sprechen am Telephon ist unheimlich intensiv, persönlich und berührt uns, hat quasi eine "Transportation" (Benford) - wir sind nicht mehr ganz "hier" und treffen den Gespraechspartner irgendwo in der 'Mitte' eines virtuellen Raums. Sobald zum Telephon nun jedoch ein Bild dazukommt ... wird es langweilig und die intime Intensität verschwindet!
Ein ganz klares Beispiel von "weniger ist mehr"!! Wie kann das sein?? Es scheint dass sobald die Augen ins Spiel kommen der Sehsinn andere Sinne dominiert, bzw. anders herum, und wesentlich wichtiger: Das das Hören alleine einen tiefer und direkter ergreifen kann. Nochmal: Das Hören berührt und bewegt uns auf andere Art und ganz woanders als das Sehen oder kombiniertes Sehen/Hören gemeinsam!! Und Stephan meint das käme ihm bekannt vor, habe er bei Christa Maar bzw. Singer gelesen. Nun, es ist wahr! Und hier kann man es nachlesen. Danke Stephan! die Frage ist nun wann und wie wir das nun in den digitalen Medien einsetzen. Ein hervorragendes Beispiel ist auf der "McLuhan" CD als Beispiel zwischen kalten & heissen Medien zu finden ...

Auszug
Wolf Singer, Max-Planck-Institut für Hirnforschung, Abteilung Neurophysiologie, FFM.
LInk: http://www.mpih-frankfurt.mpg.de/global/Np/Staff/singer_d.htm
"Die Hierarchie der Sinne" p. 62

Das bringt mich zu der Frage , ob sich die verschiedenen Sinnesmodalitaeten, welche unsere Primärerfahrungen vermitteln, im Hinblick auf unsere Überzeugungskraft unterscheiden. Trauen wir unseren Augen mehr als dem Tastsinn, oder dem Gehör? Mir scheint dass die grösste Verlässlichkeit dem Tastsinn, der haptischen Wahrnehmung zugebilligt wird. Was wir greifen können, halten wir fuer real, und daher leitet sich wohl auch das Wort "begreifen" ab. Nicht zuletzt beruht all unsere Körpererfahrung auf diesem Sinnessystem. Wir wissen, dass wir sind, weil wir uns fühlen, spüren und greifen können. Babys begreifen sich zuerst über den Tastsinn.
[...]
p.62
"In unserem Gehirn gibt es topologische Karten die den Raum um uns abbilden. Sie werden sowohl vom Sehsystem als auch vom auditorischen System mit Informationen versorgt. Die beiden Karten müssen sich präzise decken, um den Ort einer Schallquelle sowohl visuell aus auch auditorisch gleichermassen erfassen und zur Deckung bringen zu können. Würden diese Karten nicht aneinander angepasst, könnte es passieren, dass wir rechtes einen Hund sehen, dessen Gebell von links kommt, was uns sehr verwirren würde. Nun ist das in Deckung bringen verschiedener sensorischer Karten kein triviales entwicklingsbiologisches Problem. Die Karten entiwckles sich zunächst nämlich unabhängig voneinander und müssen dann aufeinander abgestimmt werden. Diese Anpassung erfolgt mit Hilfe von Erfahrung. Babys lernen mit der Zeit, die verschiedenen Karten des Sensoriums zur Deckung zu bringen. Nun kann man fragen: Wer passt sich an wen an, die akustische Karte an die visuelle oder umgekehrt? Es gilt inzwischen als gesichert, dass erst die visuelle Karte festgelegt und dann die akustische angepasst wird. Daraus laesst sich ableiten, dass die grössere Verlässlichkeit dem visuellen System zugeschrieben wird und dass das akustische System sich anpassen muss.
Bauchredner:
"... der Zuhörer hat den zwingenden Eindruck, meine Sprache käme von dem Ort an dem die Bewegung erzeugt wird. Das kommt daher weil unser Nervensystem danach strebt die verschiedenen Sinnesmodalitäten zur Deckung zu bringen und die Sprachquelle folgerichtig dem motorischen Akt zuordnet. Diese Suche nach Übereinstimmung ist so stark, dass der Sinneseindruck selbst verändert wird. Man denkt nicht nur, die Schallquelle sei am Ort der Bewegung, sondern man hört die Sprache tatsächlich auch von dort kommen."

Zur Organisation der Grosshirnrinde

Gibt es nun für die unterschiedlichen Positionen, die die unterschiedlichen Sinnessysteme auf einer Überzeugungsskala einnehmen, neurobiologische Entsprechungen? Hier interessiert vor allem die Organisation unserer Sinne auf der Ebene der Hirnrinde, denn diese ist die Struktur, die für alle höheren kognitiven Leistungen verantwortlich ist. Es geht um den zwei Millimeter dünnen Zellmantel, der die Grosshirnrinden bedeckt. Es besteht aus dicht gepackten Nevenzellen, von denen sich etwas 60 000 auf einem Kubikmillimeter drängen. Jede dieser Zellen ist mit etwa 20 000 anderen verbunden. Am intensivsten kommunizieren Nervenzellen mit ihren unmittelbaren Nachbarn, doch unterhaelte sie auch Verbindungen mit Nervenzellen, die weit entfernt in andren Hirnregionen liegen.
[...]

p.68
"Woher nimmt das Hirn die Sicherheit, dass das, was es wahrnimmt, tatsächlich mit dem übereinstimmt was die Sinnesorgane melden?"

p.69
"Wenn es gelingt durch künstliche oder manipulative Verfahren zu erreichen dass verschiedene Sinnesisgnale als deckungsgleich wahrgenommen werden, dann hat das Gehirn überhaupt keine Chance herauszufinden, das es getäuscht worden ist. Systeme die virtuelle Realität erzeugen, beweisen dies auf eindruckvolle Weise. Ein Pilot in einem Flugsimulator erfährt visuelle Eindrücke ganz so, als flöge er. Auch hoert er Geräusche und fühlt Vibrationen und Beschleunigen so, als sässe er im Flieger. Nach wenigen Sekunden ist das Bewusstsein, auf der festen Erde zu sitzen und keiner Gefahr ausgesetzt zu sein verdrängt. Der Pilot reagiert auf Krisen mit dem gleichen Erschrecken, wie er dies in Wirklichkeit täte. Viele dürften die gleichen Erfahrungen in IMAX-Kinos gewonnen haben. Wenn mehrere Sinnessysteme das gleiche behaupten, dann lässt man sich überzeugen das dem so ist. Diese Faktum wird natürlich von den Medien genutzt, um zu überzeugen.
[...]
p.71 Wo ist die Schaltzentrale? "Nur ein kleiner Prozentsatz von Zellen in primär sensorischen Arealen erhält Signale von den Sinnesorganen. Die Hirnrinde ist also hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt." Die Signale aus der Umwelt sind nur lose eingekoppelt. Jedes der vielen Areale arbeitet an bestimmten Teilaspekten und sendet dann die Ergebnisse der jeweiligen Rechenprozesse an andere weiter."


Das Bindungsproblem
Wie kann nun ein Sustem mit solch distributiver Organisation kohärente Bilder von der Welt entwerfen? Wie kann es die Vielfalt von Teilergebnissen zu einer Gasamtheit zusammenfügen? Wir bezeichnen dieses Problem als das Bindungsproblem und haben dafür noch keine konsensfähige Lösung."
Gestaltgesetze: Geschlossenheit, KOntinuität, kohärente Bewegung und Ähnlichkeit. Mustererkennung im Rest des Artikels.

Abschliessende Bemerkungen: p. 75
Das Gehirn ist ein in hohem Mass aktives, auf eigenes Wissen zurueckgreifendes selbstreferentielles System, das auf der Basis von gespeicherten Informationen = genetischer ebenso wie im Laufe der biologischen Evolution erworbenen - aus dem wenigen was die Sinnessysteme zur Verfügung stellen ein kohärentes Bild der Welt zusammensetzt. Das Gehirn entwirft Modelle der Welt, vergleicht dann die einlaufenden Signale mit deisen Modellen und sucht nach den wahrscheinlichsten Lösungen. Diese müssen nicht unbedingt mit der physikalischen Realität übereinstimmen - und tun dies in vielen Fällen auch nicht. -, dann kommt es vorwiegend darauf an, die Variablen zu bewerten, die für das Verhalten relevant und für das Überleben dienlich sind. Es ist wichtig dabei so schnell wie möglich zu sein. Unsere Kognition fusst also auf Wahrscheinlichkeitsberechnungen und Inferenzen. Das Faszinierende dabei ist, dass wird das Ergebnis dieses interpretativen Aktes für die Wirklichkeit nehmen. Wir merken nicht das wir konstruieren, sondern wir glauben dass wir abbilden. Es ist dies eine der vielen Illusionen, denen wir erliegen. Eine weitere betrifft die Vorstellung, dass wir im Gehirn eine Kommandozentrale haben, in dem das Ich residiert und wertet, entscheidet und befiehlt. Stattdessen müssen wir uns das Ich als einen räumlich verteilten, sich selbst organisierenden Zustand denken - was weder attraktiv erscheint noch leicht faellt. Hinzu kommt unser Unbehagen angesichts der Inkompatibilität zwischen unserer Selbsterfahrung und dem naturwissenschaftlichen Bild von uns. Subjektiv erfahren wir uns als autonome, mentale, mit einem freien Willen ausgestattete Handelnde, die selbst entscheiden, was sie tun wollen, und diese Entscheidung dann in neuronale Aktivität umsetzen, damit dann auch das geschieht, was sie tun wollen. Diese Sicht ist immer weniger vereinbar mit den Ergebnissen neurobiologischer Forschung. Wir leben also parallel in zwei Welten. In der einen, der subjektiv erfahrenen, nehmen wir unsere Wahrnehmungen für die Realität und merken nicht, dass wir konstruieren. - vermuten unser Ich an einem singulären Ort und trauem ihm zu, frei schalten und walten zu können. Aus der neurobiologischer Perspektive hingegen müssen wir erkennen, dass diese Annahmen und Vorstellungen in hohem Masse unplausibel sind. Die Zukunft wird zeigen, wie sich diese Einsichtenich auf unser Selbstbild auswirken werden.

The coding of perception in language is not universal.


From Majid et al.:
Is there a universal hierarchy of the senses, such that some senses (e.g., vision) are more accessible to consciousness and linguistic description than others (e.g., smell)? The long-standing presumption in Western thought has been that vision and audition are more objective than the other senses, serving as the basis of knowledge and understanding, whereas touch, taste, and smell are crude and of little value. This predicts that humans ought to be better at communicating about sight and hearing than the other senses, and decades of work based on English and related languages certainly suggests this is true. However, how well does this reflect the diversity of languages and communities worldwide? To test whether there is a universal hierarchy of the senses, stimuli from the five basic senses were used to elicit descriptions in 20 diverse languages, including 3 unrelated sign languages. We found that languages differ fundamentally in which sensory domains they linguistically code systematically, and how they do so. The tendency for better coding in some domains can be explained in part by cultural preoccupations. Although languages seem free to elaborate specific sensory domains, some general tendencies emerge: for example, with some exceptions, smell is poorly coded. The surprise is that, despite the gradual phylogenetic accumulation of the senses, and the imbalances in the neural tissue dedicated to them, no single hierarchy of the senses imposes itself upon language.
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letzte Änderungen: 12.12.02018 2:34

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